Technik im Unterricht

technikumZum Start der Junior-Ingenieur-Akademie sprachen wir mit einer der Initiatoren, Frau Professor Elke Hartmann vom SalineTechnikum Halle, und erfragten den Stand des Technikfaches und seine Aussichten.


Frau Professor Hartmann, seit vielen Jahren begleiten Sie die Technik-Ausbildung an Gymnasien. Wie hat sich diese in den letzten fünf Jahren entwickelt?
Man kann sagen, es hat sich fast gar nichts entwickelt und das bereits seit 20 Jahren. Sicherlich sehe ich Licht am Ende des Tunnels, denn das Interesse von Schulen, Technik zu integrieren, ist hoch. Es mangelt jedoch an der Übernahme von Absolventen im Lehramtsfach Technik in das Referendariat in Sachsen-Anhalt. Die jungen Lehrer, die ich früher an der Martin-Luther-Universität ausgebildet habe oder die in Magdeburg ausgebildet werden, verlieren wir an die alten Bundesländer, weil sie dort einen Referendariatsplatz bekommen - und dort bleiben sie. Also keine positive Entwicklung.

Wieso gehen denn die jungen, engagierten Absolventen weg? Gibt es in den alten Bundesländern vermehrt Technik-Unterricht?
Auch nicht. In anderen Bundesländern sieht es nicht viel schlechter oder besser aus als in Sachsen-Anhalt. Wieso unsere jungen Lehreranwärter dort hingehen, ist die Vergabepraxis von Referendariaten. In Sachsen-Anhalt spielt die Note des Staatsexamens unabhängig von der Fächerkombination die wichtigste Rolle. Es werden Referendare eingestellt, deren Fächer weniger gebraucht werden. Mathematik- oder Physik-Absolventen haben jedoch meist nicht die Note 1 - das heißt, sie bekommen keinen Platz an den Schulen, auch wenn sie dringend benötigt werden. Das soll sich zukünftig ändern, ein Teil der Plätze soll fächerorientiert vergeben werden.
In Baden-Württemberg sieht es besser aus. Dort entscheiden sich die Schüler an Gymnasien für einen naturwissenschaftlich-technischen oder den sprachlich-musischen Zweig. Das Fach Naturwissenschaft und Technik wird dort von Lehrern der Fächer Geographie, Biologie, Chemie und Physik unterrichtet. Denen wird für den Teil Technik eine Fortbildung angeboten. Diese Idee finde ich gut.

Wie sieht es in anderen Ländern mit Technik im Unterricht aus?
Finnland hat, Dänemark hat, England hat, Frankreich hat, Holland hat -  alle unterrichten Technik, nicht in Überfülle, aber auf jeden Fall lernt der Schüler etwas über Technik in der Schule, wenn er auf einem Gymnasium das Abitur anstrebt.
Der Fachkräftemangel bleibt davon jedoch unberührt. Alle genannten Länder klagen in etwa gleich über fehlende Ingenieure wie Deutschland. Es scheint also kein reines Lehrplanproblem zu sein. Eher setzen die Mechanismen für Technik-Interesse früher an: Technik-Sozialisation im Elternhaus und in Kindertagesstätten. Das haben Politik und Wirtschaft schon seit Jahren erkannt, aber für die Umsetzung wird noch immer zu wenig getan.

Die Junior-Ingenieur-Akademie ist ein gelungenes Beispiel, Technik ins Gymnasium zu bringen. Wie lief der Start?
Sehr gut. Das Georg-Cantor-Gymnasium und das Christian-Wolff-Gymnasium sind im vergangenen Jahr als Verbundprojekt angelaufen, gefördert von der Telekom-Stiftung. Das heißt, diese beiden Schulen können in der 8. bzw. 9. Klasse nun einen zweistündigen Technik-Unterricht über zwei Jahre anbieten. Das Interesse der Schüler war so groß, dass gar nicht alle Schüler aufgenommen werden konnten.

Wie kann man sich die Junior-Ingenieur-Akademie vorstellen?
Das Konzept der Junior-Ingenieur-Akademie beinhaltet zu einem Drittel den Unterricht in der Schule, zu einem Drittel den Unterricht in einer Hochschule und zu einem Drittel Unterricht in einem Unternehmen. Die Vorgabe ist dabei natürlich: Die Schüler sollen praktisch etwas machen - mit den Händen und mit dem Kopf.
Das Christian-Wolff-Gymnasium und das Georg-Cantor-Gymnasium haben sich im letzten Halbjahr thematisch voneinander unterschieden. Bei der einen Schule stand E-Mobilität im Mittelpunkt, die andere Schule hat sich auf Robotik konzentriert.
Es geht dabei gar nicht um umfassendes und vollständiges Wissen, sondern um ein Grundverständnis von Technik, um einen Eindruck, was einem in einem Studium und später im Ingenieurberuf erwartet.

Bei diesen beiden Schulen hat die Umsetzung geklappt. Kann die Junior-Ingenieur-Akademie ausgebaut werden?
Erst einmal ist es sehr erfreulich, dass die beiden Gymnasien den Technik-Unterricht bis in die 12. Klasse weiterführen wollen und auch jedes Jahr wieder einen neuen Kurs eröffnen.
Außerdem haben wir gerade zwei neuen Gymnasien geholfen, ihre Bewerbung für die Förderung in Bonn einzureichen. Nun warten wir auf die Zusage. Das wäre ein großer Schritt, dann gäbe es allein in Halle vier Gymnasien, die Technik-Unterricht anbieten.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach das richtige Maß an technischer Bildung in der Schule?
Ich wäre mit einem durchgängigen zweistündigen Unterricht von der ersten Klasse an zufrieden.
Es scheitert leider häufig an den Kosten für die Ausstattung der Räume in den Schulen. Dafür sind die Kommunen zuständig und die haben kein Geld. Für eine flächendeckende Technikbildung wäre auch die Industrie gefordert, die ihr Interesse an Fachkräften mit finanziellen Mitteln fördern müsste.

Frau Professor Hartmann, vielen Dank für das Gespräch!

 

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